Vectoring: Günstiger und schneller VDSL-Turbo

Vectoring ist ein Begriff, den viele wahrscheinlich schon mal gehört haben, mit dem aber die Wenigsten etwas anfangen können. Bei Vectoring handelt es sich um eine Technik, die VDSL-Geschwindigkeiten von 50 auf 100 Mbit/s beschleunigt. Im Upload können bis zu 40 Mbit/s erreicht werden. Bei Vectoring handelt es sich aber nicht um eine völlig neue Anschlussart, sondern um eine Erweiterung des VDSL2-Standards.

Vectoring verdoppelt nicht nur die Geschwindigkeiten, sondern verringert auch die Störungen in den genutzten Kupferkabeln. Oftmals beeinflussen sich beim Übersprechen die Signale der dicht beieinander liegenden 400 oder 600 Kupferdoppeladern in einem Hauptkabel gegenseitig. Vectoring soll dieses Übersprechen verringern. Dadurch erhöhen sich auch gleichzeitig die Datenraten.  

Vectoring-Ausbau ist deutlich günstiger als Glasfaser-Versorgung

Ganz verhindern kann aber auch Vectoring die Störungen nicht. Das komplette Ausschalten der Übersprechungen bei Kupferkabeln gelingt nur durch Glasfaser. Doch das Verlegen von Glasfaser ist teuer und aufwendig. Eine im Februar 2014 veröffentlichte Studie des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) hat angegeben, dass ein nahezu flächendeckender VDSL-Vectoring-Ausbau 17 Milliarden Euro kosten würde. Abzüglich der bereits vorhandenen VDSL-Infrastruktur bleiben Investitionen von 14 Milliarden Euro übrig.

Ein entsprechender Glasfaser-Ausbau würde laut der Studie mit rund 80 Milliarden Euro zu Buche schlagen. Bei einem Glasfaseranschluss entstehen pro Kunde somit Kosten von rund 2.400 Euro. Bei einem Vectoring-Anschluss liegt der Wert bei rund 550 Euro; in Ballungsgebieten sinken die Kosten pro Kunde sogar auf rund 300 Euro.

Gefahr einer Re-Monopolisierung

Vectoring wurde von der ITU-T als Standard G.993.5 eingeführt, der die gegenseitigen Beeinträchtigungen durch eine aufwändige Rechnung kompensiert. Dafür muss dem DSL-Zugangsmultiplexer – dem Gegenstück zum DSL-Modem – bekannt sein, welches Signal in welche Einzelleitung eines Hauptkabelstrangs gesendet wird. Dafür muss der Multiplexer (DSLAM, Digital Subscriber Line Access Multiplexer) jedoch in der Hand eines Anbieters liegen.

Das bedeutet:  Wo Vectoring genutzt wird, ist kein entbündelter Zugang mehr möglich. Das Mieten einer nackten Leitung und das Anbieten einer eigenen Technik von einem Wettbewerber sind nicht mehr möglich. VDSL2-Vectoring kann nur noch über einen  Bitstromzugang in der bestehenden Umsetzung mitgenutzt werden.

Der Beginn der Vectoring-Technik

Die Geschichte von Vectoring beginnt im Jahr 2012. Dort hat die Telekom Deutschland eine VDSL-Kooperation mit dem regionalen Kölner Telekommunikationsanbieter NetCologne angekündigt. Gleichzeitig gab die Telekom bekannt, dass sie plant, VDSL mit Bandbreiten von bis zu 100 Mbit/s zu testen. Die Verdopplung der VDSL-Bandbreiten sollte mittels Vectoring erfolgen.

Im September 2012 gab der damalige Telekom-Chef René Obermann bekannt, dass der Netzbetreiber innerhalb von vier Jahren Highspeed für 24 Millionen Haushalte bereitstellen wolle. Vectoring sollte dabei helfen, dieses Ziel zu realisieren.

Telekom beantragt Ende 2012 Vectoring-Einführung

Einen breiten Glasfaserausbau hatte die Telekom 2012 nicht geplant. Der Grund: Das Verlegen von Glasfaser bis in jedes Haus sei nicht finanzierbar gewesen. Aus diesem Grund sollte der "Ausbau bis zu den Kabelverzweigern" (KVz) – also den grauen Kästen am Straßenrand – vorangetrieben werden. Von dort nutzt die Telekom die vorhandenen Kupferleitungen bis in die Wohnungen.

Ende 2012 hat die Telekom die Einführung von Vectoring beantragt. Die Telekom hatte – aufgrund der Technik und um Störungen zu vermeiden – die Kontrolle über alle Leitungen eines Kabelverzweigers. Den Wettbewerbern versprach die Telekom einige Zugeständnisse. Die Regulierungsbehörde Bundesnetzagentur erlaubte im April 2013 den Einsatz von Vectoring nur in Gebieten, wo Dreiviertel der Gebäude über alternative Breitbandzugänge – also über Fernsehkabel oder Glasfaser – verfügten.

Auflagen an die Telekom

Zudem erhielt die Telekom die Auflage, im betroffenen Ortsnetz mehr VDSL-Zugänge als die Mitbewerber anzubieten. Gleichzeitig sollte der bonner Netzbetreiber seinen Mitbewerbern eine Vectoring-Mitnutzung in Form eines Bitstromprodukts zur Verfügung stellen.

Bei diesen Auflagen blieb es nicht. Nach einer Überarbeitung des Entwurfes im Juli 2013 wurde von der Bundesnetzagentur unter anderem die Erstellung einer sogenannten Vectoring-Liste sowie ein Bestandsschutz für von Wettbewerbern erschlossene KVz aufgenommen. Das neue Vectoring-Register soll sowohl für die Telekom als auch für die Wettbewerber Rechtssicherheit für den Einsatz von Vectoring gewährleisten. Die Liste soll alle innerhalb eines Jahres beabsichtigten und tatsächlich erfolgten VDSL-Ausbaumaßnahmen sowie den Einsatz von Vectoring zusammentragen. Doch die Sache hatte zumindest für die Mitbewerber einen faden Beigeschmack: Die Liste soll nämlich von der Telekom verwaltet werden.

VDSL-Turbo als Brückentechnologie

Im August 2013 gab die Bundesnetzagentur endgültig ihre Zustimmung für den Vectoring-Einsatz. Gleichzeitig machte die bonner Regulierungsbehörde klar, dass es sich bei Vectoring nur um eine Brückentechnologie auf dem Weg zum Glasfasernetz handele.  

Bis November 2013 erschloss die Telekom die ersten zehn Ortsnetze mit Vectoring. Gleichzeitig gab die Telekom bekannt, dass erst in der zweiten Jahreshälfte 2014 VDSL-Geschwindigkeiten mit bis zu 100 Mbit/s bereit stehen würden. Bis Ende 2016 will die Telekom die VDSL-Anschlüsse von zwölf auf 24 Millionen verdoppeln.

VDSL 100 bei Telekom, Vodafone und 1&1 buchbar

Datenraten von 100 Mbit/s sollen jedoch nicht der Höchstwert bleiben. Ende Dezember 2014 wurde bekannt, dass die Telekom Supervectoring mit bis zu 250 Mbit/s plane. "In zwei bis drei Jahren werden wir mit dem Ausbau beginnen", gab Telekom-Deutschlandchef Niek Jan van Damme in diesem Zusammenhang bekannt.

Mittlerweile vermarkten einige Anbieter VDSL 100 – darunter die Telekom, Vodafone und 1&1. Bei der Telekom erhalten Kunden beispielsweise die doppelten VDSL-Datenraten für 5 Euro mehr im Monat. 

Autor: ES